Abszesse – kleiner Unterricht

  • Eine Erklärung von Claudia Grothus, die ich an meine Hundefreunde weitergeben darf.


    In letzter Zeit haben wir viele Fragen zu Abszessen durch eingedrungene Grannen oder durch stecken gebliebene Zeckenköpfe. Deshalb möchte ich gerne mal eine kleine medizinische Abszessaufklärung geben, damit Ihr im Falle eines Falles ruhiger schlafen könnt.


    Also, der Abszess ist mal wieder ein Wunderwerk der Evolution. Er wirkt besser als jedes Antibiotikum und jedes Antiseptikum. Fangen wir von vorne an:


    Angenommen eines dieser fiesen Grannenteilchen dringt (typischerweise) in eine Hundepfote ein. Uns fällt das erst so richtig auf, wenn der Hund lahmt. Pfote angucken: nix. Oft kommt der Schmerz, bevor man überhaupt etwas sehen kann. Manchmal zeigen die Hunde aber auch gar keine Lahmheit und die Stelle fällt erst auf, wenn auf einmal eine Beule da ist und der Hund sich auffällig viel an einer bestimmten Pfote schleckt.


    Das sieht dann schon richtig „ernst“ aus: Die Beule kann bis zu einem Centstück groß werden und wird vom Hund innerhalb einiger Tage glatt und blank geschleckt, so dass sie rot, prall und „bös“ aussieht.


    Was passiert da drin?


    In der Haut haben die Zellen registriert, dass da ein Fremdkörper eingedrungen ist und wahrscheinlich auch ein paar Bakterien, eventuell auch Pilzsporen oder Toxine mitgebracht hat. Jetzt strömen eine ganze Menge Immunzellen (weiße Blutkörperchen) zu dieser Stelle. Damit die eingedrungenen Erreger keine Chance bekommen, sich im gesunden Gewebe auszubreiten, wird die betroffene Stelle durch Zellzusammenschlüsse gegen das gesunde Gewebe abgekapselt. Die Erreger und der Fremdkörper sind jetzt praktisch „eingesperrt“ und können so kein weiteres Unheil anrichten.


    An der Abgekapselten Stelle haben wir natürlich eine Schwellung, denn viel Blut und Lymphe muss zum „Unfallort“ hin- und wieder abtransportiert werden. Es entsteht ein gewisser Stau im Gewebe. Eine verstärkte Durchblutung erzeugt die Rötung. Die hohe Aktivität erzeugt Wärme. Das alles zusammen nennt man Entzündung.


    Es ist aber eine „gute“ Entzündung! Denn sie sorgt wunderbar dafür, dass der restliche Organismus nicht von den eingedrungenen Teilen in Mitleidenschaft gezogen wird.


    Wie geht es nun weiter? Der abgekapselte Hohlraum füllt sich mit Eiter. Das sind weiße Blutkörperchen, die die Erreger, kleinste Teilchen und zerstörte Zellen „gefressen“ haben und nun funktionslos in dem Hohlraum liegen bleiben. Jetzt ist der Abszess richtig ausgebildet. Er tut nun auch weh, denn die starke Schwellung drückt auf umliegende Nerven/ Schmerzrezeptoren.


    Nun „reift“ der Abszess. Das bedeutet, dass der Organismus die betreffende Stelle so lange komplett abkapselt, bis darin kein einziger Erreger mehr am leben ist. Der Inhalt des Abszesses ist dann gewissermaßen steril. Erst jetzt beginnt sich ein Ausgang zu bilden. Mit Hilfe der supersanften Massage durch das Schlecken des Hundes an seinem Abszess bildet sich eine Fistel. Eine Fistel ist eine ganz kleine, röhrenförmige Öffnung vom Abszess aus an die Hautoberfläche. Praktisch so etwas wie ein Abflussrohr.

    Irgendwann öffnet sich dieses Röhrchen nach außen, dann entleert sich – wiederum mit Hilfe der Schleckmassage – der Inhalt des Abszesses vollständig. Am Schluss kommt nur noch leicht blutige Lymphe (klare Flüssigkeit), dann ist der Abszess leer und die Fistel schließt sich wieder, so dass das Gewebe innen zusammenheilen kann. Den Fistelausgang kann man übrigens sehr gut erkennen: Er sieht wirklich wie das Ende eines winzigen Röhrchens aus, ein etwa stecknadelkopfgroßes „Loch“.


    Und wenn man zum Tierarzt geht?


    Es ist natürlich schlau, einen Fachmann draufgucken zu lassen, wenn man sich nicht so sicher ist, ob es sich wirklich um einen Abszess handelt. Der Nachteil ist, dass die meisten TÄ einen Abszess nicht in Ruhe lassen können. Die über jahrtausende evolutionär entwickelte beste Strategie, mit eingedrungenen Fremdkörpern umzugehen, wird vom Schulmediziner nur ungern akzeptiert. Er möchte „behandeln“. Die harmloseste Form ist Zugsalbe oder andere „Heilsalbe“ und ein Verband. Was passiert? Der Abszess und die Haut drum herum werden aufgeweicht und so empfänglicher für Bakterien und Pilze. Der Hund trägt einen Verband und kann seinen Abszess nicht mehr massieren, also weich halten und zum gegebenen Zeitpunkt die Fistelbildung unterstützen. Der ganze Heilprozess wird ausgebremst und in seiner natürlichen, gesunden Entwicklung gestört. Wenn man Glück hat, ist der Abszess eh gerade reif und öffnet sich im Verband. Wenn man Pech hat, kommt beim nächsten TA-Besuch eine andere Salbe und ein neuer Verband…


    Die weniger harmlose TA-Behandlung ist eine Operation. Das wird ziemlich häufig vorgeschlagen. Der ganze Hund wird wegen einem kleinen Grannenabszess in Vollnarkose gelegt und dann wird in der Stelle herumgepult auf der Suche nach winzigen Grannenteilchen, die man natürlich in einer blutenden Wunde ganz oft übersieht. Der komplette Abszess wird herausgenommen, die Wunde somit vergrößert, Antibiotika werden nötig, der Hund läuft mit einem Verband.


    Meine Meinung und Erfahrung: Das ist nicht nötig!!! Ein Abszess reift von allein, geht von allein auf und heilt von allein ab. Alle Wildtiere haben immer wieder Abszesse durch Grannen oder Zecken oder Insektenstiche oder oder oder – die sterben da auch nicht dran!


    Nach einer OPs kommt auch immer gerne mal einige Wochen später ein neuer Abszess an derselben Stelle, weil nämlich immer noch Teile vom Fremdkörper im Gewebe zurückgeblieben sind.


    Eins ist klar: Ein Abszess tut während der Reifung weh und kann eine ganze Woche lang weh tun. Aber was würde die Alternative (Aufweichen oder Operieren) letztlich bewirken?

    1. Den Heilprozess verlängern.

    2. Den Hund unter Einfluss von schwerwiegenden Medikamenten setzen (Narkosemittel, Antibiotika). Ist das besser als eine Woche mit leichtem Schmerz in der Pfote und einer nachfolgenden vollständigen Heilung der Stelle?


    So, und jetzt kommen die Sicherheitshinweise:


    • Wenn eine GANZE Granne eingedrungen ist, dann sind die Folgen manchmal (je nach Eintrittsstelle) wesentlich schwerwiegender, als nur ein kleiner Abszess. Das wird dann aber auch sehr schnell deutlich (deutlich sichtbare Eintrittsstelle, starke Bewegungseinschränkung, stärkere Schmerzen, Fieber, septische Zustände etc.). Meist werden aber die Beschwerden durch das Eindringen abgebrochener Grannenhärchen verursacht.

    • An einem Abszess wird NIE NIE NIE herumgedrückt!!! Damit könnt Ihr ihn innerlich zum

    Platzen bringen und das kann eine starke Entzündung mit Sepsis zur Folge haben. Das Einzige, was bei noch geschlossenem Abszess erlaubt ist, ist die sanfte Zungenmassage durch den Hund selbst.


    • Ein Abszess wird NIE in Eigenregie aufgepiekst oder aufgeschnitten. Das ist super unsteril und macht nichts besser.

    • Sobald der Hund mit Abszess ein schlechtes Allgemeinbefinden, Schlappheit und Fieber zeigt, ab zum Tierarzt (dieser Fall tritt nur ein, wenn der Hund deutlich immunschwach ist, oder an dem Abszess herummanipuliert wurde).

    • Dieser Text gilt nur für äußerliche, oberflächliche Abszesse direkt unter der Haut.

    Liebe Grüße
    Uta mit den "Fuchseckles"

  • Alle Wildtiere haben immer wieder Abszesse durch Grannen oder Zecken oder Insektenstiche oder oder oder – die sterben da auch nicht dran!

    Manchmal eben doch, an einer Sepsis zum Beispiel. Ich finde dieses heranziehen von Wildtieren immer etwas zweischneidig. Unsere Hunde sind zum einen keine Wildtiere sondern domestiziert und dazu glaube ich nicht das je Erhebungen bei Wildtieren dazu gemacht wurden , wieviele starben und bei wievielen es komplikationslos ausheilte.

    Also ich bin immer eher dafür einmal zuviel als einmal zu wenig zum TA zu gehen, und da rede ich sicher nicht von harmlosen 2 Tages Durchfällen bei erwachsenen Hunden..bei Welpen würde ich es nicht einmal einen Tag im Alleingang machen.

    Meine Hündin hatte einen Abzess im Bein der ihr dasselbige bald gekostet hat, also nein...einfach laufen lassen sicher nicht.

    just my 2 cents

  • • Dieser Text gilt nur für äußerliche, oberflächliche Abszesse direkt unter der Haut.


    Also ich bin immer eher dafür einmal zuviel als einmal zu wenig zum TA zu gehen, und da rede ich sicher nicht von harmlosen 2 Tages Durchfällen bei erwachsenen Hunden..bei Welpen würde ich es nicht einmal einen Tag im Alleingang machen.

    Meine Hündin hatte einen Abzess im Bein der ihr dasselbige bald gekostet hat, also nein...einfach laufen lassen sicher nicht.

    Wahrscheinlich hast Du den letzten Satz übersehen.


    Ich sehe auch keinen Zusammenhang bei einem Abszess mit Durchfällen und Welpen. Ein tiefgreifender Abszess im Bein hat auch nichts mit oberflächlichen Abszessen direkt unter der Haut zu tun.

    Liebe Grüße
    Uta mit den "Fuchseckles"

  • Ich sehe auch keinen Zusammenhang bei einem Abszess mit Durchfällen und Welpen. Ein tiefgreifender Abszess im Bein hat auch nichts mit oberflächlichen Abszessen direkt unter der Haut zu tun.

    Wenn man es aus dem Kontext reisst, fällt es in der Tat schwer Zusammenhänge zu sehen.

    Und nein ich habe alles gelesen, ganz im Gegensatz zu dir offensichtlich :winking_face:

  • Mir fällt zu dem Thema eine eigene, interessante Erfahrung ein. Zwar nicht bei einem Hund, sondern bei mir selbst.Trotzdem interessant.


    Vor langer Zeit hatte ich einen Abszess in der Achselhöhle. Natürlich bin ich nicht zum Arzt gegangen :face_with_rolling_eyes: , aber die Schmerzen waren dann so schlimm, dass mein Chef das bemerkt und mich sofort in die Notaufnahme vom Krankenhaus geschickt hat. Die Klink war damals direkt gegenüber von meinem Arbeitspatz. Der hat mir ein Horrorszenario geschildert, was alles passieren kann, wenn ich da nichts machen lasse. Das hat mir Angst gemacht, so dass ich gleich mal losgezogen bin.


    In der Notaufnahme hat man sich das dann genau angeguckt, und das Interessante ist - der Arzt hat nahezu dasselbe gesagt, was Schattenfell geschrieben hat.

    Er hat nicht mal eine Zugsalbe oder sowas drauf gemacht, sondern gemeint, ich solle die Zähne zusammenbeissen und das Ding einmal täglich vom Hausarzt kontrollieren lassen. Ansonsten nichts machen und warten, bis der Abszess aufgeht.


    Als ich am nächten Nachmittag bei meinem Hausarzt im Wartezimmer saß, hab ich gespürt, wie es unterm Pulli feucht wurde. :fearful_face:

    Das war mir sehr peinlich - aber es kam auch irgendwie passend. :face_with_hand_over_mouth:



    Der Besuch beim Arzt war für mich insofern wichtig, als ich dann beruhigt war und etwas an der Hand hatte, wonach ich mich richten konnte.


    Mit meinen heutigen Kenntnissen und Erfahrungen bin ich aber froh, dass der Arzt im Krankenhaus so vorgegangen ist, wie er es gemacht hat und nicht gleich irgendwelche aufwändigen Behandlungen vorgeschlagen hat.


    Wie gesagt - er hat annähernd dasselbe beschrieben, wie Schattenfell

    Liebe Grüsse von Doris und den Jagdraubtieren Paul und Rudi

  • Danke, Schattenfell, für den Bericht. Da ich nur zum TA gehe wenn es nötig ist, ist das -falls es mal so weit kommt- eine gute Wissensgrundlage. :thumbs_up:


    und nur für's Protokoll:

    Den Zusammenhang mit Durchfall habe ich auch nicht verstanden. :thinking_face:

  • Also, da habe ich jetzt mal wieder was gelernt.

    So vom Gefühl her, hätte ich so nen Abszess auch beim TA begutachten und auch aufmachen lassen (oder so).

    Wäre mir völlig logisch vorgekommen, das so zu machen. :face_with_open_mouth:


    Aber gut zu wissen, dass man das lieber nicht machen sollte.

    Glücklicherweise hatte ich noch nicht mit sowas zu tun bei unseren Hunden. :smiling_face:

    LG Schlundi :red_heart:

  • Manchmal eben doch, an einer Sepsis zum Beispiel. Ich finde dieses heranziehen von Wildtieren immer etwas zweischneidig. Unsere Hunde sind zum einen keine Wildtiere sondern domestiziert und dazu glaube ich nicht das je Erhebungen bei Wildtieren dazu gemacht wurden , wieviele starben und bei wievielen es komplikationslos ausheilte.

    Zu dem zwei Dinge: Wenn einem der Abszeß frühzeitig aufplatzt, zum Beispiel durch äußere Einwirkung, dann ist das eine gefährliche Situation, weil eine größere Fläche ungeschützt darliegt, in die dann Bakterien eindringen können. Wildtiere haben dann keinen Tier- oder Hausarzt, der dann fix eingreifen kann.


    Zum anderen: Vom biochemischen Standpunkt aus, sind domestizierte Tiere nicht weit von ihrer Wildform entfernt. Domestizierung ist im ersten Schritt stets eine Verhaltensanpassung, keine Veränderung der Biochemie. Selbst das Anzüchten von zu kurzen Schnauzen, extragroßen Eutern und extra Rippen ändert daran nichts. Dass Qualzuchten in Freiheit nicht lebensfähig sind, liegt nicht an der Änderung ihrer Fähigkeiten, sondern sind auf das Herumexperimentieren mit äußeren Merkmalen.
    Wobei die Fähigkeit, Getreideprodukte zu verdauen, eine Errungenschaft der domestizierten Hunde sind, die nicht angezüchtet wurde, sondern sich von alleine entwickelt hat.


    Wie nahe domestizierte Haustiere an ihren Wildformen sind, kann man an der Verwilderung mancher sehen. Wildpferde... da gibt es tatsächlich Pferdeliebhaber, die sich einbilden, ihr Pferd könnte nicht mehr in der freien Natur leben. Das ist ein Irrtum. Auch Hunde... es gibt wilde Hunde, die sehr erfolgreich sich zurückentwickelt haben, auch die Straßenhunde und andere freilebende Hunde beweisen das.

    Was allerdings auch eine Wahrheit ist: Ihre Lebensspanne ist deutlich geringer als die der von uns beschützten - und das gilt auch für Wildtiere. Wildtiere im Zoo werden deutlich älter als in der Freiheit. Wölfe zum Beispiel haben eine deutliche reduzierte Lebenspanne in der Freiheit (Menscheneinfluß einmal ausgeschlossen), sie werden nur 7 bis 10 Jahre alt, wenn überhaupt, in Gefangenschaft erreichen sie durchaus 15 oder sogar 18 Jahre.


    Etwas zum Nachdenken.


    Wie gesagt - er hat annähernd dasselbe beschrieben, wie Schattenfell

    Hast du auch sanfte Zungenmassage gemacht?

  • Hast du auch sanfte Zungenmassage gemacht?

    Das ist gut! :smiling_face_with_heart_eyes:


    Aber mal im Ernst.

    Ein klein wenig helfen kann man doch.

    Ich war mit WoMo zu einer Tagung gefahren. Die Hunde bekamen nur morgens und mittags einen Spaziergang, die übrige Zeit schliefen sie.


    Abends vor der Heimfahrt sah ich den dicken Abszess zwischen den Zehen und habe etwas Calendula-Wundsalbe gegen die Schmerzen drauf gemacht.

    Abends und am nächsten Morgen dann ein Seifenbad mit Kernseife und dann öffnete er sich.

    Liebe Grüße
    Uta mit den "Fuchseckles"

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