Nur einmal Welpen haben...

  • Der Text wurde geschrieben für eine große Community, wo immer wieder die Frage aufkam: "mal decken lassen" oder "nur einmal Welpen bekommen".


    Nur einmal Welpen haben


    Das Märchen von „Suche Deckrüden, habe Hündin“ oder „Nur einmal Welpen haben“ ... und warum das nicht ganz so einfach ist.
    Welpen sind süß, Welpen bringen Freude, Welpen sind toll ... aber: Welpen machen Arbeit, Welpen kosten Geld, Welpen bergen immer Risiken für alle. Vor allem Hündinnenbesitzer kommen im Laufe ihrer gemeinsamen Jahre von Zeit zu Zeit auf die Idee „Nur einmal Welpen haben“ zu wollen. Man hätte ja auch schon Freunde und Familie, die auch so einen tollen Hund haben wollen, Abnehmer für die Zwerge wären also da. Und dann stellt man in den entsprechenden Foren oder Gruppen die Frage: „Weiß jemand einen Rüden für mich, fürs Decken?“
    Damit geht die heiße Diskussion durch die Decke.
    Warum das so ist und warum Züchten mehr als „zwei Hunde mal lustig poppen lassen“ ist, das möchten wir euch in diesem Beitrag einmal näher beleuchten.
    Zunächst das vielleicht wichtigste Argument: Jeder geplante Wurf beinhaltet immer ein nicht zu unterschätzendes Risiko, dass der Hündin und/oder den Welpen etwas zustößt: Vielleicht ist ein Fötus abgestorben, aus Unerfahrenheit bemerkt der Besitzer nichts und die Hündin wird davon vergiftet. Es geht weiter mit möglichen Komplikationen bei der Geburt (nein, die erstgebärende Hündin weiß nicht, was sie zu tun hat) und der Tierarzt kann nicht kommen. Hat leider gerade einen Notfall. Die Komplikationsmöglichkeiten sind mannigfaltig.
    Die Welpen sind auf der Welt (Gott-sei-dank) und trinken nicht. Oder die Hündin nimmt sie nicht an. Heißt: Alle 2 Stunden 24/7 füttern! Die Liste lässt sich noch sehr umfangreich verlängern.
    Züchter lernen auf Schulungen, was in solchen Situationen zu tun ist. Das kann Hündin und Welpen das Leben retten. Der normale Hündin-Besitzer kann das nicht wissen und auch nicht leisten.
    Ob „mal einen Welpen“ zu haben dieses Risiko wert ist? Darüber hinaus gibt es natürlich noch weitere, für Einzelhund Besitzer möglicherweise weniger gewichtige Argumente die dagegen sprechen, aber für den qualitativen Erhalt einer Hunderasse wichtig sind.
    Züchten wird im Wörterbuch so beschrieben: „...Als Zucht wird in der Biologie die kontrollierte Fortpflanzung mit dem Ziel der genetischen Umformung bezeichnet. Dabei sollen gewünschte Eigenschaften verstärkt und unerwünschte Eigenschaften durch entsprechende Zuchtauslese zum Verschwinden gebracht werden.“
    Im Sinne der Hundezucht geht es darüber hinaus aber auch um die Erhaltung der Rasse und ihrer spezifischen Eigenschaften. Jede Hunderasse hat nicht nur vom Aussehen her typische Merkmale, auch vom Wesen gibt es bestimmte Züge, die jeder Rasse typisch obliegen. Möchte ich nun züchten, muss ich eben dies beachten und erhalten. Damit eben dies bestmöglich erhalten bleibt, gibt es Zuchtvereine und Regeln. Die Zuchtvereine führen Zuchtbücher, wo gefallene Würfe der Rassen dokumentiert werden und entsprechende Papiere ausgestellt werden (Pedigree/ Stammbaum/ Ahnentafel). So kann man alles für weitere Generationen nachverfolgen.
    Aber fangen wir mal ganz von vorne an, wie so eine Zucht abläuft, am Beispiel eines Papillons.

    Ein Züchter (Z) kauft bei einem anderen Z eine Hündin, mit der er später gerne selbst züchten möchte. Der Z zieht nun den Welpen mit Sorgfalt in seiner Familie groß, beobachtet ihn, begleitet den Zahnwechsel und achtet auf rassetypische Wesenszüge. (Die Mitgliedschaft in einem zuchtbuchführenden Verein setzen wir voraus.)
    Viele Z fangen schon im Welpenalter an, diesen bei Ausstellungen vorzuführen, um eben die Entwicklung von Fachleuten mit begutachten zu lassen. Des Weiteren muss die junge Papillonhündin nicht nur vollständig geimpft, gechipt und gesund sein, es müssen auch spezifische Untersuchungen gemacht werden. So muss u.A. mit ca. 15 Monaten eine PL-Untersuchung (Kniescheibe – Patellaluxation) gemacht werden. Einige Vereine verlangen inzwischen auch die Untersuchung auf PAP-PRA (vererbbare Netzhautveränderung mit Blindheit als Folge) und noch weitere, für die Rasse auffällige vererbbare Erkrankungen. Die Begutachtung des Gebisses ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, denn Zahnfehlstellungen oder fehlende Zähne vererben sich auch und bringen nicht nur der Mutterhündin, sondern auch ihren Nachkommen später Probleme.
    Ist die Hündin des Z nun ausgewachsen, in Form und Wesen der Rasse entsprechend und ohne Nachweis von erblichen Erkrankungen, kann sie eine Zuchttauglichkeitsprüfung (ZTP) machen und wenn sie diese besteht, bekommt sie die Zuchtzulassung (ZZL). Erst dann darf sie in die Zucht und belegt werden.
    Der passende Rüde muss dieses Prozedere ebenfalls durchlaufen haben und eine ZZL besitzen. Zur Auswahl der passenden Elterntiere muss der Z die Ahnentafeln kennen und studieren. Ist ein Rüde gefunden, so muss der Z sich mit dem Rüdenbesitzer einigen über den Verlauf der Deckung, die Decktaxe und vor allen Dingen vorab den Rüden besuchen, kennen lernen und beurteilen, ob beide Hunde optisch und vom Wesen her zusammen passen. Dabei ist u.A. auch die Vererbung zu beachten, denn nicht nur die Gene der Elterntiere werden weiter gegeben, auch viele Generationen vorher. Ein besonderer Blick geht hier auf die Größe und Harmonie der möglichen Elterntiere, auf Fellbeschaffenheit, -färbung und Farbverteilung, Erkrankungen und Verwandtschaftsgrad, damit möglichst gesunde und rassetypische Welpen entstehen.
    Die Tragzeit über begleitet der Z seine Hündin, sorgt für angemessenes und gutes Futter, für genügend Bewegung und Ruhe und eine möglichst stressfreie Trächtigkeit. Dazu gehören auch Tierarztbesuche zur Geburtsvorbereitung, ggf. Ultraschall oder am Ende auch ein Röntgen, da entscheidet aber jeder Z für sich und seine Hündin.
    Ist die Geburt geschafft, sind die Welpen gesund und munter auf die Welt gepurzelt, Mutterhündin wohl auf, dann beginnt für den Z die spannende Zeit. Die ersten 2 schlaflosen Nächte verbringen viele in der Nähe der Wurfbox, um alles im Auge zu behalten und um die Mutterhündin bestmöglich zu versorgen. Nach dem Öffnen der Augen startet meist die Zeit der ersten Schritte und des Zufütterns, dann lernen die Kleinen so nach und nach die Welt kennen. Später folgen erste Erkundungstouren im Haus, Besuche von Interessenten und Freunden, die ersten sozialen Kontakte zu anderen Hunden und Tieren, die ersten Ausflüge, Tierarztbesuche, erste interaktive Übungen zwischen Mensch und Hund und vieles mehr. 10-12 Wochen des intensiven Lernens und Kennenlernens der Welt, in der sie später leben werden, damit sie als umweltsichere kleine Hunde in ihr neues Zuhause ziehen können.
    Das alles setzt voraus, dass Geburt und Aufzucht nach Bilderbuch ablaufen! Schwangerschafts- und Geburtsrisiken, Todgeburten, Unfälle und sonstige Komplikationen, die Stress und teure Tierarztbesuche zur Folge haben, sind hier nicht erwähnt!
    Dennoch bereitet einem Z die Zucht und all ihre Licht- und Schattenseiten immens Freude, denn sonst würde er diesen Job nicht machen.
    Aber auch das kostet nun mal alles Geld und das erklärt auch den Welpenpreis, warum ein Hund mit Papieren mehr kostet als einer, der mal so auf die Welt gepurzelt ist.
    Die Ahnentafel zum Hund ist übrigens nicht nur ein Papier, sondern auch eine Garantie, dass dieser Welpe bestmöglich und kontrolliert gezüchtet wurde.
    Wir fassen es mal in einer Liste zusammen. Wann nimmt der Z nun Geld in die Hand? - Kauf der Hündin
    - Aufzucht der Hündin
    -Tierarztkosten für allgemeine Untersuchungen und Untersuchungen für die Zucht, wie PL oder genetische Analysen - Ausstellungen
    - Kosten für Zuchtverein (u.a. Jahresbeiträge) - ZTP und ZZL - ggf. Weiterbildungen des Züchters, Seminare, Webinare, Kurse
    - Deckrüdensuche und Decktaxe (Fahrgeld zum Besuchen, Fahrt zur Deckung)
    - Trächtigkeitszeit mit mehr Futter, ggf. Spezialfutter und Futterzusätze
    - Tierarztbesuche
    - Materialen für die Geburt, Wurfkiste, Unterlagen, Wäsche, Desinfektion, Medikamente
    - ggf. Tierarztkosten für OP (Sectio, Notbehandlung bei Geburtsstockung)
    - Aufzucht der Welpen (und noch mehr Wäsche und noch mehr Futter)
    - Welpenspielzeuge und Geschicklichkeitsgeräte, Welpenparcous, Welpengatter usw.
    - Tierarztbesuche und Ausflüge
    - Besuche von Interessenten (kosten nicht nur Zeit und oftmals Geduld, auch viel Kaffee, Gebäck und Kuchen)
    - Erstausrüstung der Welpen und Mitnehmgeschenke für die neuen Welpeneltern
    - Futter für die ersten Tage im neuen Zuhause
    - Impfungen, Entwurmungen, chippen, Impfpass und Gesundheitszeugnis
    - Zuchtabnahme durch Zuchtwart und Ausstellen der Ahnentafeln durch Verein

    Abgesehen von den Kosten eines Welpen mit Papieren im Vergleich zum Vermehrer mit dem „nur einmal Welpen kriegen“-Wurf müsste jetzt jedem klar sein, warum die Emotionen so hoch kochen, wenn jemand anfragt, um seine Hündin „mal so“ decken zu lassen.
    Nochmal: Es geht hier nicht ums Geld, sonst würden Z diesen Job sicher nicht machen, denn von der Zucht leben kann keiner von ihnen. Meist heben sich Ausgaben und Einnahmen eh die Waage. Hängen bleiben tut bei den kleinen Würfen der Papillons mit 2-5 Welpen im Durchschnitt nichts bis wenig.
    Es geht in erster Linie darum, dass eine Rasse gesund bleiben soll und eben rassetypisch vom Wesen und dem Aussehen her und wir den Welpen das Beste mit auf den Weg geben wollen, was wir erreichen können.
    Eine Garantie, dass ein Hund sein Leben lang gesund bleibt, die gibt es nirgends. Auch nicht beim Züchter. Aber die Chance, dass der Hund durch gute Gene und gute, kontrollierte Züchtung lange gesund bleibt, ist beim Züchter nun mal wesentlich größer als beim Vermehrer.
    Und weil wir alle unsere Rasse nun mal so sehr lieben, möchten wir, dass diese lange so toll bleibt wie sie ist. Deshalb JA!! zur kontrollierten Zucht im Zuchtverein und Nein! zu „eben mal Welpen kriegen“.

    Ein Beitrag von Martina Bader (Züchterin von Sandhoppers Papillons) und Letizia Thomas (Schriftstellerin).
    Mitautorin Birgit Kettler

    LG Martina :grinning_face_with_smiling_eyes: und die Schmetterlinge :pfote:

  • Großartiger Text!! Danke dafür. Ich bin dafür den sehr imponierend festzupinnen!

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